Wie bringt man Zucht und artgerechte Haltung unter einen Hut?

Dieses Thema im Forum "Nachwuchs" wurde erstellt von Aika, 8. Oktober 2017.

  1. Aika

    Aika Administrator Mitarbeiter Admin

    Registriert seit:
    13. Mai 2006
    Beiträge:
    11.313
    Angeregt durch diesen Thread hier möchte ich die Frage stellen, wie man Meerschweinchen-Zucht und artgerechte Haltung sinnvoll kombinieren kann.

    Dies bezieht sich nicht nur auf die Haltung während der Aufzucht-Phase, sondern für das ganze Leben als Zucht-Schweinchen.
    Heute werden andere Anforderungen an die Meerschweinchen-Haltung gestellt als grad erst noch vor 10 oder 20 Jahren. Früher war es durchaus üblich (ist es teilweise auch heute noch), dass ein Züchter seine Meerschweinchen halt einfach in Holzkästen hielt, wie man das von den Kaninchen kennt.
    Es war/ist also eine reine Aufbewahrung der Tiere zwecks Vermehrung. Auf die natürlichen Bedürfnisse der Meerschweinchen (Sippen-Leben, viel Bewegung, angeregtes Sozialleben und somit auch gute Sozialisierung des Nachwuchses) wurde dabei keine Rücksicht genommen, denn kaum jemand machte sich überhaupt Gedanken darüber.

    In den letzten Jahren hat sich dieses Bild gewandelt. Es gibt unterdessen viele Zuchten, die ihre Schweinchen gruppenweise in grosszügigen Gehegen halten, auf gute Sozialisierung achten und sogar die Böcke zumindest einen Frühkastraten bei sich haben, also nicht in Einzelhaft sitzen müssen wie das früher üblich war. Das freut mich sehr! :bl5:

    Ich glaube aber, es ist extrem schwierig, in einer Zucht die Balance zu finden zwischen Zucht-Vorhaben und artgerechter Haltung. Gabi hat uns im erwähnten Thread mit ihren letzten Babys einen Einblick in wichtige Überlegungen gegeben.

    Natürlich wird sich kaum ein Züchter melden, der noch immer eine altertümliche Kasten-Haltung betreibt, aber vielleicht ist es trotzdem gut, wenn sich potentielle Käufer Gedanken darüber machen, worauf sie bei einem Kauf beim Züchter achten sollten.

    Nebst der Haltung der Zuchttiere und des Nachwuchses stellt sich noch die Frage, wie man verkauft... die "simple Variante", nämlich zwei 4-wöchige Babys für den Käfig im Kinderzimmer zu verkaufen, ist nicht artgerecht und bedeutet einen Riesenstress (und dementsprechend Anfälligkeit für Krankheiten, Pilz und Milben) für so kleine Babys.
    Das haben unterdessen viele Züchter erkannt und bemühen sich um sinnvollere Abgaben. Aber wie macht man es dann besser?
     
  2. Anna

    Anna Moderator Mitarbeiter Admin

    Registriert seit:
    29. Oktober 2006
    Beiträge:
    6.304
    Liebe Fränzi, du sprichst mir aus dem Herzen! Klar ist es "einfacher", als Liebhaber ein Paradies zu schaffen, wenn man/frau ein einziges tolles Gehege für eine grössere Gruppe gestalten kann als für einen Züchter, welcher - notgedrungen - mehrere Gruppen halten muss. Als Kleinzüchter und gleichzeitig Liebhaber ist es auch noch einigermassen machbar. Bei einem Grosszüchter, welcher auch "zuchttechnisch" bestimmte Ziele verfolgt, wird das Ganze - schon aus Platzgründen - natürlich noch komplizierter.
    Andererseits bin ich gerade aktuell in der etwas schwierigen Lage, eine für alle geeignete Liebhabergruppe zusammen zu bekommen, da mit meiner Anzahl Würfen die "Auswahl" an Geschlecht, Alter, Rasse und Farben der Tiere logischerweise "eingeschränkt" ist. Trotz allem halte ich an meinen Überzeugungen fest. Ich gebe keine Einzeltiere ab, keine reinen Babygruppen. Und ich verweise auch auf Kolleginnen, wenn ich nicht helfen kann, auch bei der Platzierung von Verzichttieren.
    Aber es ist in der Tatsache so, dass auch ich aktuell wieder überlege (wie schon so oft in den letzten Jahren), in den reinen Liebhaberstatus zu wechseln, da das gewissenhafte Züchten mit allem Drumherum (eigene Haltung, Nachwuchs, Beratung, Platzierung, Behandeln von Krankheiten und sonstigen Problemen) enorm zeit- und geldaufwändig ist.
    Gabis Thread hat mich auch sehr angesprochen! Alles hat seine Zeit. Und manchmal ergibt der Lebenslauf direkt oder auf Umwegen die "Fahrtrichtung" an...
     
    Aika und Dazisch gefällt das.
  3. OhLaLa

    OhLaLa VIP-User VIP

    Registriert seit:
    10. Dezember 2007
    Beiträge:
    2.171
    Ich halte es seit meinen Zuchtanfängen so; keine Jungtiere ohne Erwachsene, nur in Rudelhaltung, keine Weibchen in reine Weibchengruppen, Böcke alle (früh-)kastriert, nur in grosszügige Gehege. Entsprechend berate ich Interessenten auch und die meisten finden die Erklärung auch sehr schlüssig und nehmen gerne ein altersgemischtes Grüppli.

    Immer mehr Züchter denken um oder aber bauen die Zucht bereits auf den Grundwerten der artgerechten Haltung auf. Es wird von aufgeklärten Liebhabern auch immer mehr verlangt, dass die Tiere auch beim Züchter artgerecht gehalten werden und dieser kompetent berät.

    Möchte man als Züchter die Tiere artgerecht unterbringen und vermitteln, stellt einen dies aber natürlich vor diverse Herausforderungen. Zeit, Geduld, Kosten, sehr viel Platz. Um altersgemischte Gruppen vermitteln zu können, sollte man auch erwachsene Tiere "in petto" haben, was gar nicht so einfach ist, wenn man das ein oder andere Zuchttier gerne als Liebhaberchen behalten möchte. Bei mir gings bisher immer auf, mit Zuchtrentnern, Tieren in "Zuchtreserve" (die ich dann doch nicht in die Zucht nehme), manchmal auch aufgenommenen Übernahmetieren. Ich behalte unterdessen auch lieber das ein oder andere Jungtier mehr und lasse es wachsen. Diese sind dann mit Jährig ideale Erziehertiere, da im Grossrudel sozialisiert und aufgewachsen. Habe ich doch mal kein Erwachsenes, verweise ich auf Züchterkollegen in der Umgebung. Dies ist auch etwas, was ich sehr schätze: ein gutes Netzwerk bzw. Kontakte zu anderen Züchtern und Notstationen mit ähnlichen Wertvorstellungen.

    Ausstellungszüchter mit Boxenhaltung, Böcken in Einzelhaft und Verkauf von unkastrierten Babyböcken ohne Erzieher gibt es leider nach wie vor. Ich rate Liebhabern einfach immer, sich die Zucht vor einem Kaufentschluss unverbindlich anzuschauen und nur dort Tiere zu kaufen, wo man ein gutes Gefühl dabei hat.

    Übrigens höre ich immer wieder, dass man als Rassezüchter die Tiere zwangsläufig nicht in sehr grosszügigen Gehegen/Gruppen halten könne. Als Argumente werden aufgeführt, dass man eine gewisse (grosse) Menge an Tieren und Würfen brauche, um in der Zucht weiter zu kommen bzw. Farbe/Rasse zu verbessern. Auch halten Ausstellungszüchter weniger gerne in Gruppen, weil es zu Schrammen kommen kann, die bei der Ausstellung Abzüge in der Bewertung des Tieres geben (bspw. Risse im Ohr).

    Ich führe eine Rassezucht. Noch dazu Schimmel, d.h. ich kann nicht jedes Weibchen mit jedem Bock decken, benötige also theoretisch eine noch grössere Anzahl an Tieren. Trotzdem ist meine Zucht vergleichsweise klein. Ich muss einfach mehr selektieren und sorgfältig überlegen, welche Tiere ich behalte. Mir ist es zwar wichtig, dem Rassestandard mögl. nahe zu kommen und ich wähle Zuchttiere entsprechend, doch in welchem Zeitraum die "Verbesserung" geschieht, ist für mich nicht so wichtig. Ausstellen würde ich nur, um zu erfahren, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Ob ein Ohr nun unversehrt ist oder nicht, spielt für mich keine Rolle (ein zerfleddertes Ohr wird ja nicht weitervererbt...), denn mir geht's um die Bewertung der Zuchtmerkmale, die mich weiter bringen, nicht um einen Pokal.

    So sind die Ziele von Züchtern unterschiedlich und entsprechend auch deren Haltung und Beratung.
     
    Prezzi, Dazisch und Aika gefällt das.