Wie bringt man Zucht und artgerechte Haltung unter einen Hut?

Dieses Thema im Forum "Nachwuchs" wurde erstellt von Aika, 8. Oktober 2017.

  1. Aika

    Aika Administrator Mitarbeiter Admin

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    Angeregt durch diesen Thread hier möchte ich die Frage stellen, wie man Meerschweinchen-Zucht und artgerechte Haltung sinnvoll kombinieren kann.

    Dies bezieht sich nicht nur auf die Haltung während der Aufzucht-Phase, sondern für das ganze Leben als Zucht-Schweinchen.
    Heute werden andere Anforderungen an die Meerschweinchen-Haltung gestellt als grad erst noch vor 10 oder 20 Jahren. Früher war es durchaus üblich (ist es teilweise auch heute noch), dass ein Züchter seine Meerschweinchen halt einfach in Holzkästen hielt, wie man das von den Kaninchen kennt.
    Es war/ist also eine reine Aufbewahrung der Tiere zwecks Vermehrung. Auf die natürlichen Bedürfnisse der Meerschweinchen (Sippen-Leben, viel Bewegung, angeregtes Sozialleben und somit auch gute Sozialisierung des Nachwuchses) wurde dabei keine Rücksicht genommen, denn kaum jemand machte sich überhaupt Gedanken darüber.

    In den letzten Jahren hat sich dieses Bild gewandelt. Es gibt unterdessen viele Zuchten, die ihre Schweinchen gruppenweise in grosszügigen Gehegen halten, auf gute Sozialisierung achten und sogar die Böcke zumindest einen Frühkastraten bei sich haben, also nicht in Einzelhaft sitzen müssen wie das früher üblich war. Das freut mich sehr! :bl5:

    Ich glaube aber, es ist extrem schwierig, in einer Zucht die Balance zu finden zwischen Zucht-Vorhaben und artgerechter Haltung. Gabi hat uns im erwähnten Thread mit ihren letzten Babys einen Einblick in wichtige Überlegungen gegeben.

    Natürlich wird sich kaum ein Züchter melden, der noch immer eine altertümliche Kasten-Haltung betreibt, aber vielleicht ist es trotzdem gut, wenn sich potentielle Käufer Gedanken darüber machen, worauf sie bei einem Kauf beim Züchter achten sollten.

    Nebst der Haltung der Zuchttiere und des Nachwuchses stellt sich noch die Frage, wie man verkauft... die "simple Variante", nämlich zwei 4-wöchige Babys für den Käfig im Kinderzimmer zu verkaufen, ist nicht artgerecht und bedeutet einen Riesenstress (und dementsprechend Anfälligkeit für Krankheiten, Pilz und Milben) für so kleine Babys.
    Das haben unterdessen viele Züchter erkannt und bemühen sich um sinnvollere Abgaben. Aber wie macht man es dann besser?
     
  2. Anna

    Anna Moderator Mitarbeiter Admin

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    Liebe Fränzi, du sprichst mir aus dem Herzen! Klar ist es "einfacher", als Liebhaber ein Paradies zu schaffen, wenn man/frau ein einziges tolles Gehege für eine grössere Gruppe gestalten kann als für einen Züchter, welcher - notgedrungen - mehrere Gruppen halten muss. Als Kleinzüchter und gleichzeitig Liebhaber ist es auch noch einigermassen machbar. Bei einem Grosszüchter, welcher auch "zuchttechnisch" bestimmte Ziele verfolgt, wird das Ganze - schon aus Platzgründen - natürlich noch komplizierter.
    Andererseits bin ich gerade aktuell in der etwas schwierigen Lage, eine für alle geeignete Liebhabergruppe zusammen zu bekommen, da mit meiner Anzahl Würfen die "Auswahl" an Geschlecht, Alter, Rasse und Farben der Tiere logischerweise "eingeschränkt" ist. Trotz allem halte ich an meinen Überzeugungen fest. Ich gebe keine Einzeltiere ab, keine reinen Babygruppen. Und ich verweise auch auf Kolleginnen, wenn ich nicht helfen kann, auch bei der Platzierung von Verzichttieren.
    Aber es ist in der Tatsache so, dass auch ich aktuell wieder überlege (wie schon so oft in den letzten Jahren), in den reinen Liebhaberstatus zu wechseln, da das gewissenhafte Züchten mit allem Drumherum (eigene Haltung, Nachwuchs, Beratung, Platzierung, Behandeln von Krankheiten und sonstigen Problemen) enorm zeit- und geldaufwändig ist.
    Gabis Thread hat mich auch sehr angesprochen! Alles hat seine Zeit. Und manchmal ergibt der Lebenslauf direkt oder auf Umwegen die "Fahrtrichtung" an...
     
    Aika und Dazisch gefällt das.
  3. OhLaLa

    OhLaLa VIP-User VIP

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    Ich halte es seit meinen Zuchtanfängen so; keine Jungtiere ohne Erwachsene, nur in Rudelhaltung, keine Weibchen in reine Weibchengruppen, Böcke alle (früh-)kastriert, nur in grosszügige Gehege. Entsprechend berate ich Interessenten auch und die meisten finden die Erklärung auch sehr schlüssig und nehmen gerne ein altersgemischtes Grüppli.

    Immer mehr Züchter denken um oder aber bauen die Zucht bereits auf den Grundwerten der artgerechten Haltung auf. Es wird von aufgeklärten Liebhabern auch immer mehr verlangt, dass die Tiere auch beim Züchter artgerecht gehalten werden und dieser kompetent berät.

    Möchte man als Züchter die Tiere artgerecht unterbringen und vermitteln, stellt einen dies aber natürlich vor diverse Herausforderungen. Zeit, Geduld, Kosten, sehr viel Platz. Um altersgemischte Gruppen vermitteln zu können, sollte man auch erwachsene Tiere "in petto" haben, was gar nicht so einfach ist, wenn man das ein oder andere Zuchttier gerne als Liebhaberchen behalten möchte. Bei mir gings bisher immer auf, mit Zuchtrentnern, Tieren in "Zuchtreserve" (die ich dann doch nicht in die Zucht nehme), manchmal auch aufgenommenen Übernahmetieren. Ich behalte unterdessen auch lieber das ein oder andere Jungtier mehr und lasse es wachsen. Diese sind dann mit Jährig ideale Erziehertiere, da im Grossrudel sozialisiert und aufgewachsen. Habe ich doch mal kein Erwachsenes, verweise ich auf Züchterkollegen in der Umgebung. Dies ist auch etwas, was ich sehr schätze: ein gutes Netzwerk bzw. Kontakte zu anderen Züchtern und Notstationen mit ähnlichen Wertvorstellungen.

    Ausstellungszüchter mit Boxenhaltung, Böcken in Einzelhaft und Verkauf von unkastrierten Babyböcken ohne Erzieher gibt es leider nach wie vor. Ich rate Liebhabern einfach immer, sich die Zucht vor einem Kaufentschluss unverbindlich anzuschauen und nur dort Tiere zu kaufen, wo man ein gutes Gefühl dabei hat.

    Übrigens höre ich immer wieder, dass man als Rassezüchter die Tiere zwangsläufig nicht in sehr grosszügigen Gehegen/Gruppen halten könne. Als Argumente werden aufgeführt, dass man eine gewisse (grosse) Menge an Tieren und Würfen brauche, um in der Zucht weiter zu kommen bzw. Farbe/Rasse zu verbessern. Auch halten Ausstellungszüchter weniger gerne in Gruppen, weil es zu Schrammen kommen kann, die bei der Ausstellung Abzüge in der Bewertung des Tieres geben (bspw. Risse im Ohr).

    Ich führe eine Rassezucht. Noch dazu Schimmel, d.h. ich kann nicht jedes Weibchen mit jedem Bock decken, benötige also theoretisch eine noch grössere Anzahl an Tieren. Trotzdem ist meine Zucht vergleichsweise klein. Ich muss einfach mehr selektieren und sorgfältig überlegen, welche Tiere ich behalte. Mir ist es zwar wichtig, dem Rassestandard mögl. nahe zu kommen und ich wähle Zuchttiere entsprechend, doch in welchem Zeitraum die "Verbesserung" geschieht, ist für mich nicht so wichtig. Ausstellen würde ich nur, um zu erfahren, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Ob ein Ohr nun unversehrt ist oder nicht, spielt für mich keine Rolle (ein zerfleddertes Ohr wird ja nicht weitervererbt...), denn mir geht's um die Bewertung der Zuchtmerkmale, die mich weiter bringen, nicht um einen Pokal.

    So sind die Ziele von Züchtern unterschiedlich und entsprechend auch deren Haltung und Beratung.
     
  4. Gabi

    Gabi Erfahrener Benutzer

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    Beiträge:
    119
    Grad viele Beiträge sind bei diesem Thema ja noch nicht aufgetaucht... sehr schade! Ich war so gespannt drauf, was sich hier so ansammeln würde, nachdem Fränzi mich aufgrund eines meiner eigenen Beiträge direkt angesprochen hatte.

    Dabei gibt es eigentlich so viele Punkte, über die man sich da auslassen könnte. Ellenlang.

    Zuerst einmal die Frage: was soll Zucht überhaupt? Eine bestimmte Rasse erhalten? Eine bestimmte Rasse "verbessern"?
    Sind die Zuchttiere dann in erster Linie genetisches Ausgangsmaterial, das man pfleglich behandeln muss oder hat man da als Züchter auch noch einen persönlichen Bezug zum einzelnen Tier? Haben Zuchttiere einen Anspruch auf artgerechte Haltung?
    Oder muss man da sowieso völlig andere Masstäbe anlegen?
    Ist Sozialisation wichtig, wenn es vor allem um die Genetik geht? Oder doch eher Nebensache?
    Sind Verkaufstiere einfach Abfallprodukte der Zucht?

    Oder ist die Rasse am Ende gar nicht so wichtig, geht es eher darum, dass man gezielt sinnvolle Verpaarungen macht, um gesunde Meerschweinchen für liebevolle Halter "herzustellen"? Welche Kriterien müssen diese Tiere dann in erster Linie erfüllen? Ist es wichtiger, dass sie möglichst menschenbezogen sind oder sollten sie vor allem gut sozialisiert sein und leicht integrierbar in einer fremden Meerschweinchengruppe?
    Haben solche reinen Liebhabertiere einen anderen Anspruch an die Haltung? Und, falls ja - gilt das dann nur für die Abgabetiere am neuen Ort oder gilt das genauso für jedes einzelne Zuchttier?

    Vorausgesetzt, wir sind uns hier einig, dass Meerschweinchen in natürlicher Umgebung in Familiengruppen leben und daher auch in menschlicher Obhut möglichst in alters- und geschlechtsgemischten Gruppen leben sollten: wie bringt man das mit einer geordneten Zucht unter einen Hut? Wie kann man einem unkastrierten Deckbock dauerhaft ein sinnvolles Gruppenleben ermöglichen, das nicht allzu viel Wechsel und damit Stress bedeutet? Wie kann man verhindern, dass die Zuchtweibchen zu sehr gestresst werden durch den Wechsel von der gewohnten Gruppe zum Deckbock und nachher entweder zurück zur Gruppe oder in eine Wöchnerinnenabteilung? Wie kann man eine optimale Sozialisierung der Jungtiere in einer Familiengruppe erreichen und gleichzeitig unsichere Mütter vor den Übergriffen von dominanten Weibchen schützen? Wie kann man den Stress minimieren bei der Abgabe der Jungtiere (nicht nur für die Jungtiere, sondern auch für die Mütter und den Rest der Stammgruppe?)

    Wieviele Würfe muss eine Zucht jeweils gleichzeitig haben, damit wirklich sinnvolle Gruppen zusammengestellt werden können und damit die neuen Besitzer auch noch ein bisschen selber auswählen können? Wie stellt man es an, auch ältere Tiere anbieten zu können, ohne laufend eigene, liebgewonnene und fürs Gruppenleben wichtige Rudelmitglieder abgeben zu müssen?

    Ich habe selber auf keine einzige dieser Fragen eine allgemeingültige Antwort gefunden, sondern habe jetzt jahrelang immer wieder mit nahestehenden Personen, befreundeten ZüchterInnen aber auch meerschweinchenunerfahrenen Leuten das Gespräch immer wieder gesucht und immer wieder neu eine Standortbestimmung vorgenommen. Und jahrelang auch prompt immer wieder entsprechend Veränderungen bei meiner Haltung und bei meinen Abgabepraktiken vorgenommen.
    So viele Ansprüche, die da aufeinandertreffen! So viele Informationen, die es zu berücksichtigen gilt! So viele mögliche Lösungsansätze für einzelne Fragen, die praktisch jedesmal sofort neue Fragen aufgeworfen haben!
    Unterdessen bin ich überzeugt, dass es nur eins gibt: laufend sich selber hinterfragen! Das eigene Tun, die eigene Haltung den Tieren gegenüber, die eigene Motivation und den eigenen Einsatz ständig und immer wieder in Frage stellen!
    Offen bleiben für neue Ansätze, neue Überlegungen und neue Einsichten. Die eigenen Tiere beobachten und dabei nicht vorschnell interpretieren, sondern wirklich kritisch bleiben. Fühlen sie sich wirklich wohl? Oder gibt es Verbesserungsmöglichkeiten? Können Veränderungen so realisiert werden, dass es auch mit den eigenen Ansprüchen und denen von Kunden übereinstimmt?
     
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  5. Aika

    Aika Administrator Mitarbeiter Admin

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    Da stimme ich Dir absolut zu! :daumen:

    Ich glaube, es ist unheimlich schwierig, all diese vielen Bedürfnisse und Ansprüche (von Mensch und Tier) zu berücksichtigen. Das ist manchmal wohl fast eine Quadratur des Kreises.
    Ich beschränke mich weiterhin auf meine kleine Liebhaber-Haltung und habe grossen Respekt davor, dass es Leute gibt, die sich mit einer verantwortungsvollen Zucht und/oder Vermittlung befassen und sich um Aufklärung bemühen. Noch immer laufen viel zu viele Leute durch die Gegend, die völlig gedankenlos zwei Schweinchen in einen Käfig setzen... die Arbeit ist noch längst nicht getan!