Abgabealter von Babys

Dieses Thema im Forum "Nachwuchs" wurde erstellt von Aika, 3. September 2015.

  1. Aika

    Aika Administrator Mitarbeiter Admin

    Registriert seit:
    13. Mai 2006
    Beiträge:
    11.795
    Aufgrund vieler Inserate (hier und in andern Foren, bei Gratis-Inserate und HPs) fällt mir immer wieder auf, wie unterschiedlich das Abgabe-Alter angesehen wird.

    Meerschweinchen haben das Unglück, dass sie leider Nestflüchter sind, ganz im Gegensatz zu den Kanichen als Nesthocker. Das heisst, Meerschweinchen werden bereits fix-fertig geboren, und daher besteht eine starke Tendenz, solche "fertigen" Meerschweinchen im Miniatur-Format halt auch schon sehr früh abzugeben, weil sie bereits selber fressen und herumrennen.
    In Zoohandlungen findet man manchmal Extrem-Winzlinge, die wohl kaum 10 Tage alt sind... :7779

    Diese Tendenz der (zu) frühen Abgabe ist ein Fehlschluss, der in den vergangenen Jahren korrigiert wurde von vielen aufmerksamen Züchtern, Biologen und Verhaltens-Forschern.

    Auch ein Nestflüchter braucht selbstverständlich seine Mutter und seine Geschwister mehrere Wochen lang (nicht nur 3 oder 4), um genügend Muttermilch trinken zu können (Aufbau des Immunsystems!!) und richtig sozialisiert zu werden. Das ist nur machbar in einer möglichst natürlichen Familien-Gruppe, also mit Mutter, Geschwistern und einem "Papa", dem Kastraten.
    Die sehr wichtige Sozialisation findet ca. in den 5. bis 10. Lebenswochen statt, d.h. genau in dieser Zeit sollten Babys viele verschiedene Erwachsene um sich herum haben, d.h. auf gar keinen Fall zu früh weg von Mutter und schon grad gar nicht 2 Babys zusammen (ohne Erwachsene). Auch dies ist noch ein sehr alter Zopf, der kaum auszurotten ist, weil auch die Käufer natürlich immer die "süssen", möglichst winzigen Babys haben möchten. Die Nachfrage regelt das Angebot... leider in der verkehrten Richtung, zuungunsten des Tieres.
    Auch heute noch ist der Standard-Fehlkauf (2 kleine Babys + kleiner Käfig) leider weit verbreitet und kaum auszurotten. :ohnein:

    Ich als Liebhaber-Halterin würde niemals ein Baby mit 3 Wochen der Mutter entreissen, selbst wenn der Züchter solche Babys zur Abgabe ausschreibt.
    Da ich in der Regel keine Babys übernehme (Ausnahmen bestätigen die Regel :D , sondern eher "das andere Ende", nämlich die "Restposten" aus 2-Schwein-Haltung, stellt sich mir diese Frage recht selten.

    Es ist mir aber aufgefallen, dass doch langsam ein Umdenken stattfindet. Sowohl in der Schweiz wie auch in Deutschland gibt es einige Züchter, welche ihre Kleinen nicht bereits mit 3- 4 Wochen und knapp 300 gr abgeben, sondern länger behalten, z.B. erst mit 6 Wochen abgeben.

    Im letzten Jahrhundert war diese frühe Abgabe "nötig", um die kleinen, unkastrierten Böcklein rechtzeitig "aus der Schusslinie" zu bringen, damit sie weder Schwestern noch Mutter decken. Heute aber ist mit der Frühkastration diese Gefahr gebannt, gibt also daher keinen zwingenden Grund, weshalb Babys bereits mit 3 - 4 Wochen der Mutter entrissen werden sollen.

    Ich hoffe, dass sich die neueren Erkenntnisse sowohl bei den Züchtern wie auch bei den Käufern herumsprechen, zum Wohle unserer Schweinchen.
     
  2. Anna

    Anna Moderator Mitarbeiter Admin

    Registriert seit:
    29. Oktober 2006
    Beiträge:
    6.420
    Liebe Fränzi

    Ich nehme an, du hast diesen Thread hier anhand meiner obigen Reaktion eröffnet?
    Erstaunlicherweise hat sich bis jetzt noch niemand zu Wort gemeldet. Die vielen "Danke" zeigen aber schon, dass dein Beitrag gelesen wurde.
    Ich weiss, man kann auch hier wieder verschiedener Meinung sein. Dazu können sich Meinungen und Ansichten über die Jahre hinweg auch ändern, bzw. kann sich die eigene Sichtweise verschieben oder erweitern.

    Meine allerersten Schweinchen waren zwar zu zweit, aber es waren zwei Babys in einem herkömmlichen Gitterkäfig. Bei dem Gedanken dreht sich noch heute mein Magen um, aber vor bald 50 Jahren kannte man ja leider nichts anderes... :augenreib:

    Auf meiner HP steht auch noch "Abgabe frühestens mit 300 Gramm UND einem Mindestalter von einem Monat". Wenn nicht beide Bedingungen erfüllt sind, geht bei mir kein Schweinchen aus dem Stall, in gar keinem Fall. Im Grunde genommen bleiben meine Tiere aber viel länger bei ihren Familien. Ich setze auch die Meeris meist sehr spät auf die Abgabeseite. Und mit den Interessenten pflege ich fast immer einen längeren Kontakt. Und so finden wir auch die möglichst optimale Lösung für unsere Vierbeinerchen ::1::1::1::1 :e025:
    Aus meiner Zucht ziehen zum Beispiel auch schon lange keine Babyschweinchen mehr ohne erwachsene Begleitung aus, wenn im neuen Zuhause nicht schon grosse Meeris leben. Aber ich bin immer wieder gerne behilflich bei der Suche nach einem älteren Begleittier für Neueinsteiger.
    Wenn nun aber ein älteres Tier verwaist ist, dürfen schon auch mal zwei jüngere Geschwisterchen (so ab 5 bis 6 Wochen) zusammen ausziehen, denn auch das einzeln sitzende Tier braucht so schnell wie möglich wieder Gesellschaft. Ich versuche einfach immer so gut wie möglich, für alle Beteiligten (Schweinchen wie Besitzer, wobei bei mir die Schweinchen Vorrang haben :d040: ) die bestmögliche Lösung zu finden.
    Meiner Meinung nach werden die jungen Babyschweinchen am besten in ihrer angestammten Gruppe (mit Mami, wenn möglich Tanti und/oder Pflegepapi und Geschwisterchen) sozialisiert. Ein Baby von drei Wochen von seiner Familie zu trennen, käme für mich persönlich unter absolut keinen Umständen in Frage (ausser in Notfällen, wenn z.B. das Muttertier stirbt und so für das Baby/die Babys gezwungenermassen eine neue Lösung gefunden werden muss - wie immer: keine Regel ohne Ausnahme...), weder als abgebendes noch als aufnehmendes Zweibein! Und zu dieser Überzeugung stehe ich!
     
  3. Jeberino

    Jeberino Prominenter Benutzer

    Registriert seit:
    16. April 2015
    Beiträge:
    2.075
    Hallo
    also 3-wöchige Babies von der Mutter zu trennen finde ich auch zu früh.
    Ich hatte letztes Jahr innert zwei Monaten, von meiner damaligen 3er Gruppe, zwei einschläfern lassen müssen. Der übriggebliebene Kastrat war dann knall auf Fall alleine und ich habe ihm am gleichen Tag zwei Jungtiere dazu gesetzt. Es ging alles gut. Die beiden "Babies" waren da 7 und 8 Wochen alt. Ich konnte unter vielen Kasträtli aussuchen, die waren so zwischen 6 und 14 Wochen alt.
    Habe später nochmals zwei dazu geholt, die waren dann bereits 11 bzw. 13 Wochen alt. Der eine hat meine Züchtetin erst kurz vor meinem Besuch zur Abgabe frei gegeben, weil er aus einem grossen Wurf stammt und sehr hinterher gehunken ist in der Entwicklung und daher viel länger bei der Mutter sein durfte. So sollte halt jeder verantwortungsvoll, situativ entscheiden.
    Übrigens, jetzt ist dieses Kasträtli gross und stark geworden und wuselt mit den anderen zufrieden durchs Gehege. ::1
     
  4. Aika

    Aika Administrator Mitarbeiter Admin

    Registriert seit:
    13. Mai 2006
    Beiträge:
    11.795
    Nicht nur, das gab nur noch einen letzten Anstoss, denn dieses Thema liegt mir schon lange auf dem Magen. ::6

    Immer wieder stösst es mir sauer auf, wenn ich auf Abgabeseiten und ganz schlimm bei den unzählig vielen Inseraten im Internet (meist von völlig ahnungslosen Kinderzimmer-Vermehrern erstellt) lesen muss, dass winzigkleine Babys im Alter von 3 Wochen bereits abgegeben werden, noch bevor sie wirklich abgestillt sind, von Sozialisation schon grad gar nicht zu reden.

    Ich weiss, dass diese Meinung der sehr frühen Abgabe stark vertreten wird von langjährigen Züchtern. Die lernen das vermutlich auch so in ihren Züchter-Seminaren, falls sie welche besuchen.

    Die neuere Verhaltensforschung und die Auswirkungen der zu frühen Abgabe sagen aber etwas völlig anderes: Jedes Säugetier braucht eine gute Sozialisation in den ersten Lebenswochen, um sein weiteres Leben gut bestehen zu können.

    Die Negativ-Beispiele kennen wir ja:
    Völlig verängstigte Baby-Schweinchen, die sich tage- oder wochenlang nicht aus ihrem Häuschen raustrauen, weil ihnen der Schutz der Erwachsenen fehlt sowie endlose Streitereien bei Vergesellschaftungen, weil diese zu jung abgegebenen Schweinchen nie gelernt haben, wie man sich im Rudel benimmt.

    Diese Erkenntnisse gelten übrigens auch für andere sozial lebende Tiere, z.B. Hunde. Auch hier setzt es sich immer mehr durch bei gut ausgebildeten Züchtern und Hunde-Trainern, dass die Welpen eben nicht mit 8 Wochen bereits abgegeben werden (wie früher durchaus üblich, niemand stellte das in Frage), sondern erst mit 12 - 16 Wochen.

    Deshalb wünsche ich mir bei den Meerschweinchen ein ähnliches Umdenken wie bei den Hunden, da das "Böckli-Problem" schliesslich mit der Frühkastration gelöst ist.

    Ich weiss, dass es neben Dir auch andere Züchter gibt :dank:, welche von dieser "3 - 4 Wochen, 300 gr Regel" abweichen und ihren Kleinen eine längere Kinderstube gönnen.
    Die Gesundheit und spätere problemlose Eingliederung in neue Gruppen ist ihnen das wert.

    Deshalb greife ich dieses Thema nochmals auf (hatten wir früher schon mal diskutiert, damals noch eher mit dem Gesichtspunkt von 2 Babys im Käfig), weil man darüber nie genug reden und schreiben kann.
    Nur so kann ein Umdenken angestossen und realisiert werden.